Der Diminutiv

Die hundert Bezeichnungen für eine weibliche Schlampe aus meinem vorletzten Post verschanzen sich weiterhin in meinen Hirnwindungen. Voller Schalk spazieren sie mit mir durch den Tag. Sie schleussen sich in Selbstgespräche und ersinnen Dialoge.

Bezeichnungen…In die Kategorie der aufgezwungenen Bildung gehören Heidi Klum’s Möpse, die sie „Hans“ und „Franz“ getauft hat. Lea Lustig sagt den ihren gerne „Titti’s“, womit wir beim Thema wären. Nein, nicht Titten. 

Die grammatikalische Verkleinerungsform von Substantiven ist in der Schweiz eine durchaus beliebte Art der Wortbildung. Sie macht vor vielem und auch vor der Erotik nicht Halt. Der Diminutiv bietet ein weites Spielfeld für Kosenamen. Wie Master Dan gestern andernorts erwähnte, “der Ton macht die Musik”, und eine Verkleinerung macht alles niedlicher. Doch dazu später mehr, wenn wir zu den Hardcore Versionen kommen.

Was sagt Reto Nötzli zu seinem Schätzchen? Schätzeli, natürlich. Oder: Schnügel (Schnuckelchen), Zuckerschnoizli (Zuckerschnäuzchen), Ängeli (Engelchen), Chnuschperli (gute Frage… Knuspriges?), Möckli (Bröckchen? Stückchen? Man sagt beispielsweise zu Käsestückchen “Möckli”).

Und dann kommen auch schon die gib-mir-Tiernamen: Bibi (Küken), Büsi (Kätzchen), Chäferli – sprich das “ch” als Rachenlaut (Käferchen), Chätzli (Kätzchen), Chröttli (jawohl: Krötchen, also: kleine Kröte), Goldchäfer (das kannst du jetzt schon alleine), Hasibärli, Häsli (Häschen), Härzchäferli (Herzkäferchen),  Mückli (Mückchen), Müsli (Mäuschen), Schnäggli (Schneckchen), Tigrr -“r” vorne auf der Zunge rollen (Tiger).

Wie schafft man beim Gebrauch solcher Kosenamen den Übergang zu heissem Sex?

“Schnäggli, chum do herre, I wot di schlägge”. – „Gli, min Tigrr!“

Hochdeutsch: „Schneckchen, komm‘ her, ich will dich lecken“ – „Gleich, mein Tiger“.

Grrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr…

Okay. Die Bezeichnungen sind möglicherweise eher für den Einsatz beim Frühstück geeignet. Post-coital. „Hasi-Bärli, hesch die schön Handaschi g’seh‘?“

Durchaus kann man etwas anrüchige Bezeichnungen “verkleinern” und damit die mitschwingende Zärtlichkeit zeigen: “Schlämpli”. Und auch: “Stütli”.

“Drü-Loch-Stütli” würde ich eher vermeiden. Jedenfalls, wenn du verhindern willst, dass das „Stütli“ mit einem Lachkrampf in der Ecke liegt   ;-).

Klar kann ein Mann das Wort “Schlampe” ganz pur und sehr sexy gebrauchen. Er kann seine gesamte Leidenschaft und Zuneigung hinein legen. Der Ton und die Stimmlage sind alles. Aber wir waren ja beim Diminutiv.

Da gibt es richtige Fallstricke, die nicht verschwiegen werden sollen. „Mann“ stolpert sozusagen über seinen eigenen Schwanz. Leute, ihr macht euch grade ein völlig falsches Bild, was die Grössenverhältnisse betrifft!

Hier kommt mein persönlicher „Point of no return“. Die Szene kann sich in jeder Lebenssituation abspielen, der Effekt ist immer genau gleich.

Interessanter Weise ist der männliche Hauptdarsteller in meiner Erfahrung oft ein grosser Kerl, fast hünenhaft. Der Bär von einem Mann sagt kluge und oder unterhaltsame Sachen, macht gute Witze, ist inspirierend. Und dann kommt ein Thema auf, das explizite Körperbezeichnungen scheinbar nötig macht. Ein geplanter Arztbesuch ist prädestiniert dafür. Ich muss die Luft anhalten, wenn ich nur daran denke. Er sagt es, er spricht von seinem „Schnäbi*“ oder seinem  „Schnäbeli“. Echt! Ich schwöre, das ist mir mehrmals passiert. Tja…

Ich, plötzlich verschreckt auf die Armbanduhr schauend:

„Oh, I han mini Tante am Bahnhof vergässe. Ich muess sofort weg. Sorry, nei, kei Zyt meh…“.

Auf Hochdeutsch:

„Die nächsten 200 Jahre ist Sex mit mir ausgeschlossen“

Ich wünsche euch allen einen sinnlichen, lustigen, aufregenden Tag.

Euer Chröttli

——-

*Schnäbi, Schnäbeli: in etwa „Schnäbelchen“ aka Schwänzchen.

51 Gedanken zu “Der Diminutiv

  1. Fettnapftante sagt:

    Ich bin diese Verniedlichung ja aus dem Schwabenländle gewohnt. Dort hängt man an alles ein „le“ Ich verstehe heute noch nicht, wie man seine/n Liebste/n „Stinkerle“ oder auch „Scheißerle“ nennen kann. 🙂 Schnäbli ist bei uns Göschle und aus Tiger wird ein Tigerle. Spätzle ist als Kosename auch sehr beliebt.

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  2. Master Dan sagt:

    Jede Sprache hat ihre Eigenschaften und die muss man nicht immer verstehen…

    Ein Italienisch sprechende wird nicht gerade angetan von der Idee „ä Schnäckli z’schlecke“…
    …dafür wird er heiss wenn er hört „bisch ä Chue“ (du bist eine dumme Kuh) denn in Italien ist die Kuh nicht dumm sondern willig…

    Was das „le“ Suffix angeht, das wird auch in der Schweiz rege benutzt aber bezeichnet eine Aktion:
    „Müsli, wömmer fröschle?“ (Auf Hochdeutsch „Schatz, wollen wir ficken?“)

    Ja, ja du chlini schnäbi-lutscheri…

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  3. transomat sagt:

    Als Du mir das erste mal Schnäbli schriebst habe ich gedacht Du trinkst jetzt erst mal einen guten Schweizer Schnaps.
    Irgendetwas ließ mich dann in einem Schwyzerdütsch Lexikon nachschauen 🙂

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      1. Devote Romantikerin sagt:

        Wer mich gestern oder heute getroffen hat, bemerkte ein amüsiertes Lächeln und tanzenden Schalk in meinen Augen. Das kam so: Die liebe JanJan wünscht sich ja einen eher schweigsamen Schweizer. Wer die Eidgenossen kennt, weiss, dass diese sich des öfteren wünschen, die Deutschen mögen nicht so laut sein und überall reinquatschen. Nun habe ich seit zwei Tagen dieses Bild vor Augen: Die heisse JanJan mit einem supersexy Schweizer, unter einer grossen Linde, am Baumstamm angelehnt, heftigst am Rummachen. Kommt ein Passant vorbei: „Was tun Sie da? Das darf man nicht!“ – JanJan: „Das ist nicht VÖgeln. Das ist VÖlkerverständigung“.

        Völkerverständigung mit „Stumm-Schalter“, möchte ich ergänzen 😉

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        1. JanJan sagt:

          Siehst du mich fett grinsen? 🙂 Spüre irgendwie gerade diese Linde im Rücken.
          Man könnte daraus eine Geschichte machen: Stand ein schweigsamer Schweizer mit einer nassen holländischen Muschi an der Linde und wollte sie gerade beglücken, kam ein korrekter Deutscher des Weges… *grins*

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  4. ☼Sigrid☼ sagt:

    Ja, ja, die Schweizer und Schwaben haben einiges gemeinsam, eben die Verniedlichung (sagte ja auch die Christiane schon). Mir fällt da spontan das „Schnäbberle“ ein (sagte man früher? zum Kinder „Schnäbli“ bei uns im Schwabenland. Und das Beste ist, ich verstehe alles! Auch ohne Übersetzung – habe ich doch im Teenager Alter sehr oft meine Ferien in der Nähe von Biel verbracht, mich (fast) unsterblich in einen Reto verliebt und dazu fast perfekt 😉 schweitzerdeutsch gelernt. Ich kann’s heute noch …… 😀
    Aber dein Beitrag war trotzdem sehr aufschlussreich! Merci !

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      1. Mic sagt:

        Stunden später habe ich dann übrigens auch bemerkt, dass meinem Ursprungskommentar irgendwie Teile abhanden gekommen sind. An manchen Tagen habe ich meinen Kopf auch nur zum Haare schneiden. Wie gut, dass ich heute beim Friseur war …

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    1. Devote Romantikerin sagt:

      Hach Mic…Ich vergnüge mich mit Sprache und lege hier einen liebevoll-augenzwinkernden Fokus auf Details eines Dialekts. Meine Aufmerksamkeit möchte ich als Kompliment verstanden wissen. Ich mag die Eigenheiten von Sprachregionen. Sie sagen etwas über die Gefühle und Denkweisen der Menschen. Wie schön kann die Welt sein, wenn man da, wo man grade ist, mit offenen Sinnen aufnimmt und geniesst. Kein Gestern. Kein Morgen. Kein Vergleichen. Einfach Präsenz.

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  5. Devote Romantikerin sagt:

    Übrigens: Wenn etwas aufmuntert, motiviert oder die Laune hebt, sagt man in der Schweiz, das ist „ein Aufsteller“-

    Morgen früh um sexs (hihi, sorry…) gibt’s eine kleine Morgenaufmunterung von mir.

    Nur im Fall, jemand hätte Mühe, aus dem Bett aufzustehen an einem kalten dunklen Herbsttag ;-).

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